Schaut es euch an!

Christoph Bangert plädiert für das Zeigen von Kriegsbildern in westlichen Medien

Eigentlich sollten Sie dieses Bild nicht sehen. Niemand sollte das. Normalerweise bleiben solche Bilder ungedruckt. Ich selber kann mich bei vielen Fotos kaum erinnern, sie gemacht zu haben – als hätte jemand die Löschtaste in meinem Kopf gedrückt. Du wachst morgens auf und kannst dich an den Albtraum nicht erinnern. Aber du weißt, er war da. Ich war da. Ich bin der, der alles fotografiert hat. Ich weiß es. Von Christoph Bangert


Dies sind nicht meine besten Fotos. Ich habe wunderschöne, dramatische, wohlkomponierte Bilder von Kriegen und Katastrophen. Landschaften, Porträts, Details; das ganze boom and bang. Aber hier geht es nicht um das Drama des Krieges, auch nicht um den Mythos des Kriegsfotografen, sondern um unseren Umgang mit den Bildern grauenhafter Ereignisse.
Wir alle üben Selbstzensur. Ich tue es. Die Bildredakteure tun es. Ihr üblicher Refrain lautet: „Leider geht das zu weit, um es zu drucken.“ Und Sie, die Betrachter, zensieren auch. Sie fürchten, Hinschauen könnte voyeuristisch sein. Sie fürchten sich vor der eigenen Furcht. Sie verwechseln Pietät mit Nichtwissenwollen. Mein Großvater, der als überzeugter Nazi an der Ostfront gedient hatte, beschloss, zu vergessen. Seine Kriegsgeschichten waren abenteuerlich, glamourös, heroisch – und handelten alle von seinem Pferd.
Wir erinnern uns in Bildern. Wenn wir uns verbieten, Bilder anzusehen, wie sollen wir das Geschehene im Gedächtnis speichern? Woran wir uns nicht erinnern, das hat nicht stattgefunden.

Ich bin ein höflicher Mensch. Aber wenn ich höre, dass jemand meine Bilder nicht ansehen kann, werde ich wütend. Ich sage zwar: „Oh, kein Problem, ich verstehe.“ Aber das ist eine Lüge. Tief im Innern schreie ich aus voller Lunge: „Du kannst nicht hinschauen? Dann streng dich an, du verweichlichte Erste-Welt-Heulsuse! Wach auf! Das hier sind echte Menschen! Wenn dir das auf den Magen schlägt, scher dich verdammt noch mal runter von diesem Planeten!“ Aber wie gesagt, ich bin höflich. Und ich weiß, man braucht Mut, das Schreckliche zu betrachten. Aber ist Ihnen eigentlich klar, wie schrecklich es ist? Ja? Warum sind Sie dann von meinen Fotos schockiert?
Was Sie hier sehen, ist meine persönliche Erfahrung. Aber Ihre auch, denn es geschieht in Ihrer Lebenszeit. Sie entscheiden, ob Sie es ignorieren.
Ich habe erlebt, wie ein stark verbrannter Mann, den ich 2005 in Bagdad in einer Unfallaufnahme fotografierte, mehrmals ohnmächtig wurde vor Schmerzen. Die Brandopferstation des Krankenhauses war wegen Korruption geschlossen worden. Nun wartete der Verletzte auf den Transport in ein anderes Hospital, aber der Arzt sagte, weil die Wunden so furchtbar und alle anderen Stationen überfüllt seien, werde der Mann wohl sterben. Auf dem Foto schaut er uns an. Es ist mir nicht leichtgefallen, die Kamera auf ihn zu richten. Und Sie? Schauen Sie ihm in die Augen?
Fast alle meine Kollegen, die in Krisengebieten arbeiten, haben Massen solcher Bilder. Sie liegen auf unseren Festplatten, ungedruckt. Dabei sind auch das nur Ausschnitte der Realität, unvollständige Momentaufnahmen des wahren Chaos.
Es wäre leicht, „den Medien“ die Schuld zu geben. Aber ich selbst bin ein Teil der Medienmaschine. Und Sie als Publikum sind es auch.
Ja, Gewaltbilder können uns schockieren, enthemmen und verrohen, genau wie Pornografie. Schon tausendmal wurde über diesen Aspekt der Kriegsfotografie geschrieben, die Ästhetisierung der Gewalt, den Voyeurismus und die düstere Anziehungskraft fremden Leids. Doch ich überlasse die klugen Debatten anderen. Ich bin Fotograf und empfinde es als meine Pflicht, das Gesehene zu veröffentlichen. Wenn mir das nicht gelingt, habe ich versagt. Mir ist egal, wie Sie meine Fotos nennen. Wenn Sie wollen, nennen Sie sie Kriegspornografie.
Ich kann den Horror aus den Horrorbildern nicht eliminieren. Genauso wie ich das Subjekt-Objekt-Dilemma nicht auflösen kann. Natürlich beuten Fotografen aus, was sie fotografieren. Natürlich ist das war porn! Aber solche Einwände sind auch wunderbare Ausreden, um wegzuschauen.
Übrigens. Meine Bilder sind real, nicht fiktional wie die supergewalttätigen Kinofilme, Fernsehserien und Videospiele, die wir bedenkenlos anschauen. Ich dokumentiere und interpretiere reale Ereignisse. Wie kann diese Arbeit bedeutungslos oder nichtssagend sein? Wie können wir uns weigern, das bloße Abbild eines Schreckens zur Kenntnis zu nehmen, den andere Menschen gezwungen sind, am eigenen Leib zu erleben?
Im letzten Jahr habe ich die Bilder, die von den Redaktionen immer aussortiert werden, selber als Buch veröffentlicht. Viele Medien haben darüber berichtet. Nur einige haben Fotos gedruckt.
Letztlich ist das kleine Buch meine Versicherungspolice für den Tag, an dem meine Enkel alt genug sind, um zu fragen, was Kriege und Katastrophen sind. Ich werde dann nicht über Pferde erzählen, sondern die Bilder aus dem Regal ziehen und sagen: „So war es für mich. Daran erinnere ich mich. Schaut es euch an.“

Der Text stammt aus dem Vorwort von Christoph Bangert zu seinem Bildband „War Porn“;
Kehrer Verlag 2014; 186 S., 29,95 €.

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