Alexander von Wiedenbeck

MOLOGUE: Wie entstand die Idee zum Projekt „Hope“?

v. Wiedenbeck*: Nun, die Idee zum Projekt kam Zug um Zug. Ich hatte gerade meinen ersten Bildband OBSESSION FOR FREEDOM veröffentlicht, welcher in erster Linie als Portfolio gedacht war. Im Anschluss hatte ich mir dann Gedanken für ein neues Projekt gemacht und nachdem so eine Produktion immer viel Zeit und auch Geld in Anspruch nimmt, wollte ich dieses Mal etwas „sinnvolleres“ schaffen als nur ein Portfolio. Im Laufe der Zeit, bei zahlreichen Besuchen von Ausstellungen und Galerien, habe ich mir zunehmend Gedanken gemacht, wie grotesk und auf eine gewisse Art pervers die Kunstwelt oft sein kann. Bilder von Krieg und Armut sind allzu oft die Topseller der Galerien und werden für horrende Summen veräußert. Mal abgesehen von einem Fotografen wie Sebastião Salgado, welcher sich ebenfalls stark gemeinnützig bzw. im Naturschutz engagiert, profitieren die eigentlichen Stars der Bilder, nämlich die portraitierten Menschen, nur selten von diesen Erlösen.
So wuchs der Gedanke in mir, dem entgegen zu wirken und eine Art Pionierprojekt auf die Beine zu stellen, bei welchem die „Protagonisten“ direkt und 1:1 davon profitieren, dass man sie fotografiert und diese Bilder mit der Welt teilt. Ich kontaktierte dann zunächst zahlreiche deutsche Hilfsorganisationen und ließ mir deren Projekte vorstellen. Die Idee war es, ein ausgewähltes Projekt zu besuchen, dort eine gewisse Zeit zu verbringen, ein Gespür für die Menschen zu erhalten und letztendlich eine in sich geschlossene Reportage darüber zu fotografieren, welche dann in Form einer Wanderausstellung um die Welt reisen soll. Das Thema selbst hielt ich mir dabei offen und wollte die Reise zunächst auf mich zukommen lassen. Am Ende waren es dann Begriffe wie Friedhofskinder, Müllkippenkinder und sexueller Missbrauch von kleinen Mädchen, welche mich am meisten schockierten und mich dazu bewogen, hier zu beginnen. Der Titel HOPE und die Geschichte um die Hoffnung entstand dann während meiner Reise. Ich hatte vieles erwartet, schreckliche Szenarien und eine sprichwörtliche Hölle auf Erden, welche sich auch tatsächlich so gezeigt hatte. Dass in mitten dieses vermeintlichen Armageddon aber noch etwas anderes war, etwas Positives, nämlich der unerschütterliche Glaube an eine bessere Zukunft, Hoffnung auf ein besseres Leben, damit hatte ich nicht gerechnet. Der Glaube, die Liebe und die Hoffnung dieser Kinder waren so unendlich groß, was es erlaubte, die unwürdigen Lebensumstände auszublenden… und so kam es zu der Fotostrecke und der Erzählung um die Hoffnung.

MOLOGUE: Wie war die fotografische Arbeit vor Ort und welche Probleme taten sich (eventuell) auf?

v. Wiedenbeck: Zu Beginn der Reise hatte sich tatsächlich ein Problem aufgetan, mit welchem ich so nicht gerechnet hatte. Um mir selbige zur erleichtern, hatte ich geplant die Hilfsorganisation zu begleiten, welche die Schul, und Krankenhausprojekte auf den Philippinen umsetzt. Da unser Besuch somit auch bereits einige Wochen vorher angekündigt war, hatten die Projektleiter vor Ort beschlossen, gemeinsam mit den Kindern zahlreiche Tanz- und Theaterstücke einzustudieren um sie uns vorzuführen. Die Intention hierfür sicherlich wunderschön gedacht und es hatte uns und den Kindern natürlich auch viel Spaß gemacht, jedoch erleichterte mir dies nicht, die Kinder in Ihrer natürlichen Umgebung – im Alltag – zu fotografieren. Daraufhin hatte ich ab dem zweiten Tag beschlossen, meinen Weg abseits der offiziellen Tour zu finden und hatte mich fortan von der Reisegruppe abgeseilt. Da ich mit den Örtlichkeiten aber weniger vertraut war, führte mich diese Entscheidung auch das ein oder andere Mal in eine Sackgasse. Insbesondere durch die Tatsache, dass die Friedhöfe, ebenso wie die Müllkippen, unendlich groß sind. Selbst auf dem höchsten Müllberg innerhalb der Müllkippen, sah man oft bis zum Horizont nichts außer Abfall und man verlor schnell den Überblick, wo man eigentlich herkam. Oft auch nicht ungefährlich, stellte ich einmal erschreckend fest, dass ich mich inmitten von Krankenhausabfällen wie blutigen Mullbinden und benutzen Spritzen befand, selbige werden hier ohne großen Hehl auf den öffentlichen Müllkippen entsorgt.

MOLOGUE: Wie würden Sie Ihre fotografische Arbeitsweise im allgemeinen beschreiben?

v. Wiedenbeck: Mein Ziel ist es stets die echten, authentischen und unverfälschten Momente festzuhalten und selbige dabei auf das Wesentliche zu beschränken. Unabhängig ob es eine Reportage, ein Portrait oder ein Mode-Editorial ist, versuche ich mich immer sehr bedeckt zu halten bzw. eine eher beiläufige Atmosphäre zu schaffen und aus dem Hintergrund zu agieren, als eine Art Voyeur wenn man so will. Das ist sicherlich nicht immer einfach, eine gute Hilfe dabei ist aber zum einen meine Leica, welche so unscheinbar ist, dass man erst sehr spät als Fotograf erkannt wird. Bei geplanten Produktionen ist mir mein seit Jahren eingespieltes Team eine gute Hilfe, welches es immer irgendwie schafft eine entspannte Atmosphäre am Set aufrecht zu halten, so dass meine Protagonisten stet sie selbst bzw. authentisch sein können und oft auch gar nicht mal mitbekommen, dass sie schon fotografiert werden.

Hier auf den Philippinen war es jedoch alles andere als einfach dem gerecht zu werden. Wenn man als Europäer in Asien einen Fuß auf eine Müllkippe setzt, dann ist das schon ein sehr seltenes Bild, welches große Aufmerksamkeit erregt. An jedem Ort meiner Reise strömten die Menschen und vor allem die Kinder in scharen zu mir her und wollten von mir wissen wer ich bin und was ich hier mache. So dauerte es immer eine Weile, oft mehrere Stunden oder sogar Tage, bis sich alle an meine Anwesenheit gewohnt hatten, der Alltag wieder einkehren und ich mich frei bewegen konnte. Gerade die Kids wollten nicht von meine Seite weichen und mich am liebsten den ganze Tag begleiten… und manche taten dies sogar, was aber auch eine angenehme Abwechslung war, einen „kleinen Tour-Guide“ bei sich zu wissen.

MOLOGUE: Darf das Leid anderer Menschen ästhetisch schön fotografiert werden?

v. Wiedenbeck: Das ist eine gute Frage, welche sich nicht einfach mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten lässt. Wenn man eine Bild von einem kleinen Kind – lebend mitten in einer Müllkippe – zeigt, kann die Ästhetik der Fotografie noch so großartig sein, es wird niemand vor dem Bild stehen und über die wunderschöne Ästhetik jubilieren, denn am Ende bleibt es immer noch ein kleines Kind auf einer Müllkippe und sowas wird immer zum Nachdenken anregen…zumindest hoffe ich das. Aber ich verweise auch gerne noch mal auf den Grundgedanken zu meiner Strecke. Unabhängig welcher Verwendungszweck für solche Bilder angedacht ist, so hat er in der 1. Welt auch immer einen kommerziellen Beigeschmack, ob wir als Fotografen das wollen oder nicht. Wenn eine Zeitschrift solche ästhetischen Bilder für eine Reportage verwendet, so geschieht dies nicht uneigennützig. Es ist immer das Ziel die Auflage zu steigern um mehr Anzeigenkunden zu generieren und letztendlich mehr Geld zu verdienen. Hat ein Fotograf über viele Dekaden solche Reportagen fotografiert, ist die Chance groß, dass namhafte Galerien auf ihn aufmerksam werden und selbige Bilder zu den erwähnten, horrenden Summen veräußert werden. Am Ende, der eine weniger der andere mehr, verdienen dennoch alle Geld mit diesem Leid, nur der Mensch eben nicht, welcher in dem Elend lebt und hier gezeigt wird.
Nun könnte eine Zeitschrift, oder auch eine Galerie vermutlich das Argument anführen, dass sie mit ihrem Bericht, ihrer Ausstellung Aufmerksamkeit erzeugt wird und letztendlich vielleicht Spendengelder irgendwie, irgendwo generiert werden, was sicherlich auch manchmal der Fall ist. Jedoch im Verhältnis zu den generierten Geldern, erscheint mir das eher ziemlich unfair. Meiner Meinung nach wäre es das selbe, wenn ein großes Modelabel ein Model bucht und kein Honorar bezahlt, mit der Begründung, dass die Kampagne ja gute Werbung für sie wäre und sie später dann woanders Geld verdienen kann. Beides ist für mich nicht in Ordnung.

Mein Fazit daher: Das fotografische und ästhetisch „schöne“ Festhalten von Menschen in Elend und Armut und die Veröffentlichung solcher Fotografien ist für mich dann in Ordnung, wenn der Fotograf auch seine soziale Verantwortung übernimmt und die portraitierten, gezeigten Menschen auch an dem Erfolg der Bilder teilhaben lässt und nicht nur darauf hofft, dass er vielleicht andere zu einer Spende inspiriert.

MOLOGUE: Ist Fotografie eine visuelle Waffe gegen Probleme/ Konflikte und Missstände?

v. Wiedenbeck: Ich würde es mir wünschen, ja. Ich denke, dass dies früher vielleicht noch mehr der Fall war als es das heute ist. Diese visuelle Waffe steht meiner Meinung nach selbst vor einem Problem. Die Digitalisierung der Medien und der Fotografie, aber auch die sozialen Netzwerke haben unser Leben im Allgemeinen und auch unsere visuelle Wahrnehmung schnelllebiger gemacht. Eine Fotografie wird heute bei weitem nicht mehr so intensiv betrachtet wie das vor zwanzig Jahren noch war. Heute betrachtet man ein Bild meistens online und mit einem Mausklick ist man schon wieder weg. Das führt dazu, dass man sich zum einen nicht mehr so intensiv mit der einzelnen Fotografie und deren Inhalt beschäftigt und zum anderen man zu schnell beim nächsten Thema ist und schon vergessen hat was man vor fünf Minuten gesehen hat.
Ich hoffe jedoch sehr, dass wir alle weiter reifen und uns der Tiefe der Fotografie wieder bewusst werden. An dieser Stelle auch ein großes Kompliment an das MOLOGUE Magazin, welches, wie ich meinen möchte, durch seine Schlichtheit und Reduzierung auf das Wesentliche, nämlich die Fotografie und seine Geschichte, diesen Prozess und unsere visuelle Wahrnehmung wieder etwas entschleunigt.

  • Alexander von Wiedenbeck lebt und arbeitet in München.

Mehr über die Arbeiten von Alexander von Wiedenbeck findest du auf seiner Website

Das Buch zur Serie „Hope“ kannst du hier bestellen. Buch bestellen

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