Buchrezension zu Exodus von Sebastiao Salgado

Exodus – Dieses Buch ist eine fotografische Ohrfeige

Copyright: Sebastião Salgado / Amazonas images
The refugee camps in the «Zone Turquoise». Rwanda. 1995. Copyright: Sebastião Salgado / Amazonas images

Kann oder darf man das Leid anderer Menschen fotografieren? Darf es überhaupt ein Buch zu diesem Thema geben? Nachdem man sich die Neuauflage von Sebastiao Salgados Bildband „Exodus“ über die Themen Exil, Migration und Vertreibung angeschaut hat, lautet die klare Antwort: Ja man darf. Man muss sogar.

Flucht ist ein globales Problem

Salgado zeigt in Exodus das globale Problem der Flucht. Die Ursachen sind unterschiedlich und reichen von Stadtflucht über Hunger, Armut bis hin zu Kriegen. Unterteilt in vier Bereiche zeigt der fotografische Aufklärer das Leid der Menschen in verschiedenen Facetten auf unterschiedlichen Kontinenten. Exodus, so wird dem Betrachter schnell klar, ist ein weltweites Phänomen. Die vielen Fotografien und das dabei gezeigte Elend besitzen eine gewisse fotografische Konformität, ganz gleich ob die Szenerie auf den Balkan, im Herzen von Afrika oder in Südamerika spielt. Salgado fängt in seinen Bildern die Qualen und Hoffnungen der Menschen ein, die durch die Flucht ihr Leben riskiert haben und zahlreiche Entbehrungen aufnehmen mussten. Sechs Jahre lang ist der weltberühmte Fotograf um die Welt gereist und hat dabei ein bildgewaltiges Werk geschaffen, das uns zwingt hinzuschauen. Jede Aufnahme tut weh und erzeugt mitunter Mitleid beim Betrachter.

Gleichzeitig ist Exodus ein Buch, dass die Würde der darstellenden Person abbildet. Er versucht in keiner Aufnahme, die Person zu heroisieren. Was Salgado gelingt, ist die Momentaufnahme einer Welt, die sich in all den Jahren kaum geändert hat. Nüchtern und in zeitloser sowie ästhetisch-schöner Schwarz-Weiß Optik dokumentiert er ohne normativem Charakter das weltweite Problem von Flucht und Vertreibung. Das beiliegende Begleitheft informiert den Leser zu einzelnen Bildern und versucht das Leid verständlicher, also textlicher zu gestalten.

Copyright: Sebastião Salgado / Amazonas images
Rwandan refugee camp of Benako. Tanzania. 1994. Copyright: Sebastião Salgado / Amazonas images

Salgado’s Bilder sind historische Bilddokumente

Unzählige Jahre sind vergangen, seitdem das erste Buch über Vertreibung, Flucht und Exil erschien. Die Bilder haben in all den Jahren nichts an ihrer Intensivität verloren. Die Gesichter sind dieselben geblieben, nur die Geschichten haben sich geändert. Salgado beschreibt im Vorwort die historischen Gründe für das Buch aus dem Jahre 1999 und reflektiert 16 Jahre später, dass sich die Umstände für Flucht, Vertreibung und das allgemeine Leid nicht verändert haben. Nach wie vor sind Millionen von Menschen auf der Suche nach einem sicheren Zufluchtsort. Die Menschen fliehen vor Angst, Hunger und Krieg. Umso wichtiger ist diese Neuauflage, die nun im Taschen Verlag erschienen ist. Weil jedes Bild wachrüttelt und einen mit dem Gefühl zurücklässt, dass sich in letzten Jahrzehnten nichts positives passiert ist.

2015 wird als weitere Markierung in der Geschichte der Flucht eingehen. Wieder fliehen Tausende von Menschen aus Kriegsgebieten und suchen Hilfe und Zuflucht in sicheren Ländern. All das Leid und die vielen Entbehrungen unterscheiden sich dabei nicht von früheren Fluchten oder Vertreibungen. Die eindringlichen Bilder in Salgado’s Neuauflage sind gleichgeblieben. Das Leid der Menschen ist aktueller denn je und was die Menschen auf ihrer Flucht erlebt haben, können wir als Betrachter nur erahnen.

Exodus ist ein wichtiges Buch

Diese Neuauflage vom Taschen Verlag ist wichtig und gerade in diesem zeitgeschichtlichen Augenblick richtig und notwendig. Exodus ist ein Klassiker und sollte für jeden rassistischen Bürger zur Pflichtlektüre erklärt werden. Fernab der Nachrichten und Eilmeldungen ist dieses Buch die schonungslose Wahrheit über das Grauen auf dieser Welt. Diese Bilder haben in den Jahren, seitdem sie entstanden sind, nicht an Kraft verloren. Der Leser muss mit diesen schonungslos ehrlichen und doch würdevollen Bildern konfrontiert werden. Die über 400 Seiten sind im Grunde genommen nur ein kurzer Abriss eines globalen Problems. 1999 ist daher leider viel zu aktuell.

Salgado’s Exodus ist eine fotografische Ohrfeige

Dieser Bildband ist eine bildgewaltige Ohrfeige an die Weltgemeinschaft. Das Buch ist ein visuelles Mahnmal. So ästhetisch schön seine Bilder auch sind: Dieses Grauen und dieses Elend der Menschen muss ein Ende finden. Und Exodus sollte dabei helfen, dass dieses Thema endlich bei jedem Bürger ankommt und zum richtigen Handeln bewegt. Damit der Exodus eines Tages beendet werden kann und so ein bildlastiges Mahnmal nicht erneut verlegt werden muss. Salgado schreibt am Ende seines Vorworts zu Exodus die entscheidenden Worte:

„Diese Fotografien zeigen einen Teil unserer Gegenwart. Wir können es uns nicht leisten, den Blick abzuwenden.“

Diese Aussage stammt aus dem Jahre 1999 und hat an Gültigkeit nichts eingebüßt. Exodus ist eine gelungene Neuauflage zu den Themen Exil, Migration und Vertreibung und aktueller denn je. Dieses schwere und bildgewaltige Buch zu kaufen, ist Pflicht.

Buchcover von "Exodus" von Sebastio Salgado. Erschienen im Taschenverlag
Cover German edition

 

Sebastião Salgado: Exodus

Sebastião Salgado,
Lélia Wanick Salgado
Hardcover mit Begleitheft,
24,8 x 33 cm, 432 Seiten
Erschienen im: Taschen Verlag

ISBN 978-3-8365-6129-7

Hier kann man das Buch erwerben
(Hinweis: Link führt zum Taschen Verlag)

JB

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