Neues Jahr, neues Ich, gleiche Bilder

Das visuelle Manifest von guten Vorsätzen

Bild: erix! Quelle: flickr
Bild: erix! Quelle: flickr, Bestimmte Rechte vorbehalten

Sie sind wieder da. Die guten Vorsätze. Abnehmen, gesünder leben, weniger Stress haben, dreihundert Berge besteigen, Job wechseln, endlich mal ein netter Mensch werden. So oder so ähnlich sieht die typische Vorsatz-Liste des Otto-Normal-Verbrauchers aus. Und woran erkennt man den Durchschnittsmenschen, der seine Vorsätze (natürlich!) sofort in die Tat umsetzt? Na logisch: An seinen Bildern, die er in sozialen Netzwerken postet.

Bei guten Vorsätzen gibt es meiner Meinung nach zwei Lager. Zum einen die neues-Jahr-bringt-völlige-Veränderung-Typen, zum anderen die geht-mir-nicht-auf-den-Senkel-ich-habe-schon-längst-resigniert-Typen (unwichtige Randinformation: ich gehöre zur letzteren Gruppe). Wer den Jahreswechsel zum Anlass nimmt, gefühlt sein ganzes Leben umzukrempeln, der kann das gerne machen. Ich will niemanden daran hindern, ein besserer Mensch zu werden. Oder zumindest so zu tun. Wer sich also verändert und das still und heimlich in seiner kleinen Kammer tut – voll okay! Daumen hoch dafür! Weg mit dem Speckbauch! Nur leider reicht es den meisten nicht, sich verändern zu wollen. Der Drang danach, allen anderen ihre Veränderung unter die Nase reiben zu wollen, ist einfach unaussprechlich groß. „Ich bin jetzt fit!“ schreit es von überall her. „Schaut, ich esse gesund!“ höre ich andauernd. Das sind die Aussagen, die 90 % der Vorsatz-Bilder transportieren. Eigeninterpretation ausgeschlossen.

Gut gestellt ist halb erfüllt

Für den visuellen Vorsatz-Neuling mag es eine Überraschung sein, aber: Wer sich verändert oder es zumindest vorhat, der hält das in Bildern fest. Du gehst ab sofort regelmäßig ins Fitnesstudio? Dann poste doch bitte auch ein Bild deines Mitgliedsvertrages, die Trinkflasche seitlich im Bild angeschnitten. Vielleicht liegt noch ein Power-Eiweiß-Riegel mit dabei. Selber kochen, nur mit gesunden Zutaten und natürlich vegan ist ab sofort dein Ding? Dann zeig das doch bitte auch! Mit Bildern deiner grün-rot-orangenen Einkäufe und selbstgezauberten Food-Kreationen. Du möchtest deinem Leben endlich wieder einen Sinn geben? Dann veröffentliche doch bitte inspirierende Sprüche-Bilder mit einem naturverbundenen Hintergrund, die zum Nachdenken anregen. Oder zum Brechen.

 

Klar ist: Zu Beginn des Jahres steigen die Fitnesstudio-Mitgliedschaften rasant nach oben. Jeder will aktiv sein. Und gesund essen. Und gesund leben. Der Industrie tut das gut. Meinen Augen weniger. Wohin man auf den sozialen Netzwerken blickt, gibt es jeden Tag ein neues Manifest der guten Vorsätze, das sich in den Bildern der Nutzer spiegelt. Turnschuhe, Hanteln, Papaya, Avocado, ein ruhiger See mit einem Zitat von Buddha. Das einzige, was das neue jahr nicht bringt, scheint Originalität zu sein.

Same same but different

Da sitze ich nun vor meinem PC und muss durch all diese Bildwelten scrollen. Eigentlich wollte ich nachsehen, wie viele Einträge der Hashtag #newyearnewme mittlerweile hat, ich habe mich aber dann doch dagegen entschieden. Masochismus ist immer noch nicht mein Ding. Das schlimme sind noch nicht einmal die einzelnen Postings der jeweiligen Person. Das schlimme ist dieser enorme Einheitsbrei, der aus allen Kanälen quillt. Motive? Same same. Inhalt der Postings? Same same. Bildsprache? Same same. Ich frage mich an dieser Stelle immer (regelmäßig im Jahresrhythmus) wieso man die Umsetzung seiner Vorsätze derart kund tun möchte? Zwei Gründe fallen mir spontan ein:

  1. Verpflichtung. „Wenn ich meine Vorsätze online publik mache, muss ich sie ja auch durchziehen, das klappt bestimmt“.
  2. Narzissmus. „Schaut alle her, wie motiviert ich bin! Und gesund! Und fit! Schämt euch, wie ihr faul vor euren Computern hockt!“

Egal, aus welchem Grund man zu einem Vorsatz-Junkie mutiert: Stop it.

Bild: Aktion kritische Schülerinnen, Quelle: flickr. Alle Rechte vorbehalten
Bild: Aktion kritische Schülerinnen, Quelle: flickr. Alle Rechte vorbehalten

Es mag der Eindruck aufkommen, ich sei ein Misanthrop. Okay, das stimmt vielleicht. Das Verteufeln von Menschen bereitet meinem schwarzen, eiskalten Herz Freude. Doch es gibt einen kleinen Funken Optimismus in mir, was dieses ganze Vorsatz-Posting-Ding angeht. Ich habe Hoffnung. Ich weiß, dass Veränderung kommen wird. Genau bei den Menschen, die ihre Vorsatz-Bilder jedem Netzwerk ins Gesicht klatschen. Es ist nämlich ganz simpel: Nach gefühlten zwei Wochen ist der Spuk vorbei. „Gute Vorsätze? Ach, das mach ich im nächsten Jahr…“

von Saskia Kaufhold

Alle vier Wochen – oder auch gern mal jeden Monat – schreibt Kolumnistin Saskia Kaufhold über Dinge, die ihr auffallen, stören oder nerven. Im wahren Leben ist die MOLOGUE-Autorin aber eine ganz sympathische Frau.

Mehr über Saskia Kaufhold findest du hier: TheGirlAbove

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