Stories, Stories, Stories! Eine MOLOGUE-Kolumne von Saskia Kaufhold

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Stories – Wenn der Geschichtenmodus Überhand nimmt

Es ist 22:45 Uhr. Ich liege im Bett, das Smartphone in der Hand. Auf dem Bildschirm sehe ich Heike. Sie nennt sich auf Instagram sweetfitnessgirl88, ich kenn’ sie von der Uni. Heike macht Schokopudding. Aus Avocados, klar. Schritt für Schritt zeigt sie, wie es geht. Wie interessant! Wow! Bravo, Heike! Und das Schlimmste: Heike ist nur eine von vielen, die exzessiv die Story-Funktion auf Instagram nutzen, sie mit Müll-Material füllen und mich mit diesem Müll-Material zumüllen. Heike und Konsorten? Lasst das!

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Stories – überall Stories!

Ich möchte mich über im Zuge dessen über diese Anführungszeichen STORIES Abführungszeichen beschweren. Sie waren und sind Teil des Dienstes Snapchat, bei dem gefühlt Fünfjährige andere Fünfjährige mit semi-lustigen Filtern über ihr unbedeutendes Leben up to date halten. Vielleicht merken jetzt einige aufmerksame Leser, dass ich diese App persönlich nicht nutze – Überraschung! Daher war mir diese Story-Funktion bis vor einiger Zeit vollkommen wumpe. Nun, der Social-Media-Gott hat mich anscheinend auf dem Kieker, denn mittlerweile hat auch – tadaaa – Instagram diese Funktion. Von Facebook und WhatsApp ganz zu schweigen. Das trotzt natürlich nur so vor Originalität. Aber das ist ein anderes Thema.

Stories auf Instagram sind genauso spannend wie die Wiederholung einer Folge von „Richterin Barbara Salesch“, sorry Babs. Ich folge Menschen auf Instagram, weil mich ihre Bilder ansprechen. Die schön gefakten, bearbeiteten, gestellten und geschönten Bildwelten, die ich im realen Leben niemals antreffen würde. Und was liefern mir Instagram-Stories? Noch mehr Bilder! Aber schön aus der Realität gegriffen, quasi hautnah dran am Social-Media-Exponat. „Aber ist doch toll, Saskia. Was stört dich daran?“ höre ich sie murmeln. Was mich daran stört? Alles!

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Jede Story schreit mich förmlich an

Will ich einem Menschen bei Instagram folgen, dann wegen seines Feeds (Achtung: nicht feed). Weil mich die Bildkomposition anspricht. Oder weil ich gezwungen werde. Freundeskreis und so. Ich will einem Menschen NICHT folgen, weil mich seine Story, seine Geschichte so brennend interessiert. Wen würde so etwas schon reizen? Du baust grad einen IKEA-Stuhl ergebnislos auf? Herzlichen Glückwunsch!

Aber poste doch bitte lieber ein Bild deines Outfits auf Instagram, schön mit „Lark“ oder „Ludwig“ verziert. Du boomerangst mal eben ein keckes Augenzwinkern oder Grinsen? Super gemacht! Lass es bitte und zeig mir lieber deinen Ernährungstipp Nummer 2092450.
Doch das Schlimmste an den Stories-Stories sind nicht die sinnlosen Boomerangs, Out-Of-Bed-Selfies oder Bla-Bla-Videos. Nein, das Schlimmste ist die Tatsache, dass ich sie nicht ignorieren kann. Öffne ich Instagram, ploppen diese kleinen, nett umrandeten Kreise ganz oben auf. Mit noch mehr Bildern drin. Jede Story schreit mich förmlich an, sie anzuklicken. Und interessiert zu sein. Und Zeit zu investieren. Jedes Mal wenn ich die App öffne, kommen ungesehene Stories auf mich zu. Jedes. Verdammte. Mal.

Instagram, warum tust du mir das an?

„Ja dann klick sie halt nicht an“, sagen sie. Guter Humor. Das wäre genauso, als würde man einen Donut vor mich stellen und mir sagen: „Iss ihn halt einfach nicht“. Funktioniert blendend. Denn in mir ist trotz Abneigung, Missachtung und Desinteresse ein letzter Funke Neugier, der sich eventuell mit einer Prise Sadomasochismus mischt. Sinnlose Zeitverschwendung, der Selbsthass danach und die Möglichkeit, anderen Menschen offensichtlich hinterher zu spionieren kommen mir dann doch zu gelegen. Instagram, wieso? Wieso tust du mir das an? Die Antwort auf diese Frage kennen nur die Entwickler (und Werbekunden und Influencer) selbst.

von Saskia Kaufhold

Alle vier Wochen – oder auch gern mal jeden Monat – schreibt Kolumnistin Saskia Kaufhold über Dinge, die ihr auffallen, stören oder nerven. Im wahren Leben ist die MOLOGUE-Autorin aber eine ganz sympathische Frau.

Mehr über Saskia Kaufhold findest du hier: TheGirlAbove

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