Die neue Logik der Bilder

Bild von Carmen Jost für den MOLOGUE Blog
Bild von Carmen Jost (flickr)

Bilder: Galten sie vor hundert Jahren noch als besonderes visuelles Dokument, haben sie spätestens seit der Erfindung der Digitalkamera ihre ursprüngliche Funktion verloren. Fotografien sind keine seltenen Objekte mehr. Mit der Zeit haben sich ihre Sinnhaftigkeit verändert.

Die Fotografie und die Ursprungsidee

Als meine Urgroßmutter mit 6 Jahren zum ersten Mal fotografiert wurde, dauerte der 1. Weltkrieg noch über ein Jahr. Ihr Vater war noch an der Westfront und so zog man ohne den Vater zum Fotografen, um ein gemeinsames Bild zu machen. Mit ausdrucksloser Miene sitzt meine Urgroßmutter auf einer Bank. Auch ihre restlichen Schwestern sowie ihre Mutter schauen ernst in die Kamera. Die Logik dahinter ist bekannt: Nur mit einem entspannten Gesichtsausdruck war es überhaupt möglich, mehrere Minuten still zu sitzen. Lächeln Sie mal konstant zwei Minuten. Da schmerzt der Kiefer ordentlich. Und es galt: Nur eine Aufnahme war möglich, denn jede weitere Fotografie hätte viel Geld gekostet. Die Glasplatte wurde später entwickelt und man bekam ein Papierabzug. Das Bild wurde dann eingerahmt oder dem Vater an die Front geschickt. Eine visuelle Erinnerung an die Familie. Denn nicht etwa der Glaube an den Sieg stärkte die Moral der Soldaten, sondern Fotografien und Briefe der Familien. Das Foto war etwas besonders und wurde als kleiner Schatz aufbewahrt.

Die Fotografie wird mobil

Ist Oscar Barnack schuld an der massentauglichen Form der Fotografie? Nun, mithilfe der Leica und dem daraus resultierenden Kleinbildformat war es jedenfalls endlich möglich, mehrere Bilder in kürzester Zeit aufzunehmen. Die Reportage-Fotografie entstand und die kompakte Bauweise macht die Kamera zu einem mobilen technischen Werkzeug. Die handliche Form macht es möglich, dass die Kamera in jede Tasche passte. Und dank innovativer Objekte und modernster Aufnahmetechniken dauerte es nur noch wenige Millisekunden, bis ein Bild auf Zelluloid gebannt wurde. Natürlich kam es immer noch auf das Können des Fotografen an, und die Bilder waren nach wie vor etwas wertvolles. Man sammelte sie in Fotoalben und rahmte sie ein. Bilder waren Dokumente eines ganz bestimmten Moments. Und während des Krieges wichtige Beweisbilder gegen das Grauen und die Brutalität der Schlachten. So gesehen erfüllten Fotografien zwei wichtige Funktionen: Sie dienten als visuelles Erinnerungsstück von Hochzeiten, Ausflügen oder anderen wichtigen Ereignissen im Leben sowie als Dokument/Beweisstück gegen den Krieg. Ein visuelles Mahnmal, festgehalten und archiviert für die Nachwelt.

Ben Frederickson für den MOLOGUE Blog
Bild von Ben Frederickson (flickr)

Die Automatik der Fotografie

Der Mensch ist von Natur aus faul. Er sucht stets nach Verbesserungen und Möglichkeiten, den Aufwand zu minimieren und schnell sowie unkompliziert zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Die automatische Einstellung und der Autofokus waren sicherlich ein technischer Meilenstein in der Geschichte der Fotografie. Denn: Endlich konnte wirklich jeder ein Fotoapparat bedienen und halbwegs gute Bilder machen. Der Massenmarkt für die Fotografie entstand und es wurde fotografiert und posiert, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Familienalben wuchsen und das Bild wurde ein Produkt, dessen Langlebigkeit von der Aufnahme neuer Fotografien abhängig war. Bilder entwickeln zu lassen war Volkssport und die Kamera das Utensil für die Reise, die Hochzeit oder den Besuch im Zoo. Es wurde zu einem Alltagsprodukt. Gleichzeitig erfüllte es nach wie vor wichtige Eigenschaften. Im Dienste der Reportage und der fotografischen Aufklärung war das Bild immer noch von immenser Bedeutung.

Digitale Massenfotografie

Kennen Sie noch das Gefühl, wenn die entwickelten Bilder gemeinsam nach einem Urlaub angeschaut wurden? Die dickgefüllten Taschen voller Abzüge wurden lebhaft kommentiert und besonders schöne Bilder anschließend in das Familienalbum eingeklebt. Doch Anfang der 2000er Jahre änderte sich etwas. Die Digitalkamera kam auf dem Markt und viele Fotografen ahnten, dass es die Art und Weise, wie wir fotografieren, fundamental verändern würde. Denn neben der Digitalkamera entwickelte sich auch der Computer und das Speichermedium immer weiter. Bald wurden die ersten Speicherkarten mit bis zu 256 MB angeboten. Damit war klar: Die Fotografie wurden zum Massenprodukt und die Einzigartigkeit einer Aufnahme war verschwunden. Mittlerweile passen auf modernen Speicherkarten tausende von Fotos. Der Fotograf knippst wie mit einem Maschinengewehr und sucht sich anschließend die beste Aufnahme heraus. Täglich werden Milliarden von Schnappschüssen produziert und das Bild als Dokument eines besonderen Moments verliert an Bedeutung.

Neben seiner Funktion als Massenprodukt verlor das digitale Bild an Glaubwürdigkeit. Kunsthistoriker werden jetzt einwerfen, dass auch schon zur Zeiten der russischen Revolution Fotografien manipuliert wurden. Doch erst die digitale Bildbearbeitung macht es möglich, dass jeder Benutzer  das Bild nach seinen Vorlieben verändern konnte. Die einstige Beweiskraft, die das Medium hatte, ging verloren. Der Massenmarkt änderte das aufgenommene Bild so, wie es gewünscht wurde und seine Rolle als visuelles Beweisstück geriet unter scharfer Beobachtung. Was ist echt an den heutigen Bildern? Letztendlich hat die Technik die Glaubwürdigkeit eines jeden Bildes stark beeinflusst. Das Bild als Dokument voller wahrhaftiger Eindrücke ist beschädigt. Die Flüchtigkeit einer Aufnahme steht im krassen Gegensatz zu seiner ursprünglichen Funktion.

Bild: Hsuanya Tsai (flickr)
Bild: Hsuanya Tsai (flickr)

Das Smartphone als optisches Auge

Wissen Sie, womit heutige Smartphone-Hersteller primär werben? Richtig: Mit einer guten Fotokamera. Die Fotolinse an Ihrem Smartphone ist für viele Käufer eines der wichtigsten Kriterien beim Kauf eines Smartphones. Die heutigen Geräte sind mit einer Fülle an Fotofunktionen ausgestattet, die das Knipsen von Schnappschüssen vereinfachen und die wuchtige Digitalkamera obsolet machen. Aus dieser Überlegung ist die Gründung von Instagram der logische Schritt einer Entwicklung, die heute die ganze Marketing-Welt beeinflusst. Instagram und später Snapchat sind das Produkt der mobilen Fotografie. Dabei hat die Qualität der Bilder nicht zwingend nachgelassen. Auf Instagram gibt es genügend Accounts, die mit erstklassigen Bildern glänzen. Aber als Ganzes betrachtet machen diese künstlerischen Accounts einen geringeren Teil aller Bilder aus. Der Großteil der Bilder auf Instagram sind Selfies und massenhafte Schnappschüsse.

Das Smartphone etablierte zusätzlich eine neue Form der Fotografie: Die des Selfies. Das Ich wurde und wird immer wichtiger. Die Zeiten, in den die Fotografie als „authentisches“ visuelles Zeugnis dienste, sind schon lange vorbei. Niemand weiß heutzutage, ob das Bild, was wir in den Medien sehen, echt oder gefälscht ist. Und das Schlimme daran ist: es ist den meisten Menschen egal. Gute Bilder von erstklassigen Fotografen sind für viele Menschen immer noch wichtig und sie schätzen dies auch, aber haben Sie einmal nachgeschaut, welcher Künstler auf Instagram die meisten Follower hat? Sie ahnen es: Ein Fotograf ist es nicht.

Fotografie bleibt ewig

Doch was sind die Lehren aus der zugebenermaßen kunsthistorischen Rückschau? Ist die gute alte Fotografie tot? Nein, ist sie natürlich nicht. Verlage wie Taschen, Kerber und die anderen setzen sich nach wie vor dafür ein, gute Fotografen sowie Fotografien zu zeigen. Der Markt und das Interesse ist ja da. Doch die Mehrzahl der Menschen liken und kommentieren inspirationslose Schnappschüsse. Die Ästhetik spielt eine untergeordnete Rolle. Nicht jedes Bild auf Instagram hat eine Botschaft oder soll den entscheidenden Augenblick festhalten. Ein Großteil der Bilder sind pure Selbstinzenierung. Ein Produkt für das eigene Ich, deren visuelle Erinnerung nach wenigen Stunden verblasst. Vielmehr sind die Bilder die Summer eines Zeitgeistes, oder besser formuliert: Jedes Bild auf dieser Plattform spiegelt die Welt wieder, wie wir sie sehen. Nicht jedes Bild muss zwingend eine Erinnerung bleiben. Die heutige Fotografie lebt für den kurzen Augenblick.

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