Der totale Ausverkauf der Fotografie

Ist das noch Marketing oder schon der totale Ausverkauf der Fotografie?

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Für viele Fotografen reicht es scheinbar nicht mehr aus, nur ihre Bilder zu verkaufen. Zusätzlich bieten sie Videoseminare, Workshops, Presets und persönliche Coachings an. Bleibt die Frage: Ist das noch Marketing oder längst der totale Ausverkauf der Fotografie?

Fotografie als Ware – Es lebe der Kommerz

Schaut man sich einige Facebookseiten von bekannten Fotografen an, entsteht schnell der Eindruck, dass die Fotografie demnächst ihren eigenen Shoppingkanal braucht. Da werden Videotraining aggressiv beworben und es schreit einen förmlich an: JETZT KAUFEN! GÜNSTIG! JETZT MIT RABATT! Dazu leuchtet der grafische Störer auf den Bildern und die vielen Ausrufezeichen würden selbst dem Schauspieler Til Schweiger gefallen. Es wird mit persönlichen Coachings, Videotrainings sowie anderen Produkten geworben und gepriesen, als wäre man auf dem Hamburger Fischmarkt. Muss das sein? Muss ich als Fotograf persönliche Coaching-Angebote für 100 Euro die Stunde anbieten? Muss ich stupide Videoaufzeichnungen verkaufen, die nichts Anderes zeigen als meinen Workflow? Muss ich jeden Winkel meines fotografischen Schaffens gegen Geld verschleudern? Ist das noch Marketing oder findet bereits die Kommerzialisierung der Fotografie statt?

Was würde Oskar Barnack dazu sagen?

Bild von Didier Weemaels für einen Artikel von MOLOGUE
Bild von Didier Weemaels für einen Artikel von MOLOGUE

Gehen wir einen historischen Schritt zurück. Mit der Erfindung der Kleinbildkamera von Oskar Barnack begann das Massenphänomen Fotografie. Jeder Angestellter oder Arbeiter konnte sich – wenn er denn lange dafür sparte – eine handliche Kamera kaufen und das Fotografieren mehr oder weniger professionell betreiben. Die Kleinbildkamera setzte u.a. den Startpunkt für die Reportagefotografie rund um Bresson, Capa, Buri und andere. Doch was würden diese Ikonen der Fotografie zu den heutigen Zuständen in der Fotografie sagen? Würde Robert Capa heute auch Videoseminare anbieten und persönliche Coachings verkaufen? Ein Gedanke, der so unendlich abwegig und bizarr erscheint. Selbstverständlich haben auch diese Fotografen Bücher mit ihren Werken verkauft und zahlreiche Ausstellungen organisiert. Aber das Bild, die reine Fotografie, blieb alleine und nur für sich stehend im Fokus der Aufmerksamkeit. Diese Fotografen haben fotografische Ikonen erschaffen. Trotzdem haben sie mit Ihren Arbeiten keinen totalen Ausverkauf betrieben und sich als Marke oder Berühmtheit definiert.

Sie vermarkten nicht sich selbst, sondern nur ihre Arbeiten.

Ist das überhaupt noch Fotografie, wenn ein Fotograf seinen Stil verschachert und tausende Käufer diesen Stil nachmachen? Wo ist da die Individualität? Was ist mit der eigenen Kreativität? Es fällt auf: Dieses Thema hinterlässt viele Fragen und ein hohes Maß an Unverständnis. Denn bei genauerer Betrachtung fällt eines besonders auf: Die Fotografen, die diese Workshops, Videoseminare und persönliche Coachings anbieten, sind mittelmäßige Fotografen. Böse Zungen könnten hier ätzen, dass das Mittelmaß mit noch mehr Marketing und Kommerz kaschiert werden müsse. Auffallend ist auch, dass berühmte Fotografen diese Kommerzialisierung augenscheinlich nicht nötig haben.

Man kann sich auch schwerlich vorstellen, dass ein F.C. Gundlach, Peter Lindbergh oder Mario Testino Videoworkshops oder Seminare verkauft. (Sie alle haben es finanziell auch gar nicht nötig). Aber auch die große Mehrheit der Fotografen, die mit harter Arbeit und vielen Auftragsbildern tagtäglich ums Überleben kämpft, haben Respekt vor der Fotografie und schlachten diese nicht kommerziell aus. Sie vermarkten nicht sich selbst, sondern nur ihre Arbeiten.

Die Fotografie als Kunstform ohne Kommerzanspruch?

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Am Ende stellt sich eine Frage: Was habe ich als Kunde davon, wenn ich den Workflow eines Fotografen nachmache? Was habe ich davon, wie ein Jünger den Worten des fotografischen Messias zu lauschen? Warum sollte ich den Stil eines Fotografen für 49,90 kaufen? Wäre es denn nicht für mich fruchtbarer, wenn ich mir andere Fotografien ansehe und mich inspirieren lassen, aber meinen eigenen Stil finde? Natürlich ist das zeitaufwendiger und müheseliger als ein Videoseminar, aber Fotografie ist ein kreativer Prozess, der nicht in 8 Stunden vorbei ist.

Gute Fotografen machen Fehler, probieren sich aus und – ja das richtig – tauschen sich auch mit anderen Fotografen aus. Aber bitte, ohne jeglichen kommerziellen Gedanken! Keine Workshops für 199 Euro, um zu erfahren, was ich als ambitionierter Fotograf auch alleine im täglichen Ausprobieren herausgefunden hätte! Keine Massenveranstaltungen im Kino, bei der sich Fotografien wie Filmstars verhalten und über ihre erfolgreiche Karriere schwafeln? Was kommt denn als nächster Schritt? USB-Sticks, auf denen ein Hauch magischer Kreativität des Fotografen hängen geblieben ist für 19,90 Euro?

Hört auf damit. Verscherbelt nicht die Magie der Fotografie. Macht gute Bilder und vor allem: Macht eure Kunden mit wunderschönen Fotografien glücklich. Den Rest braucht niemand.

von Johannes Brümmer

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