Der maximale Ausverkauf der Fotografie – Eine Polemik

alex-holyoake für MOLOGUE

So schaffst du den maximalen Ausverkauf der Fotografie – in 6 einfachen Schritten

Was wäre, wenn du als Fotograf das Maximale aus deinem Beruf herausholen möchtest? Sozusagen den höchstmöglichen Kommerz der Fotografie. Mehr Geld verdienen als all die anderen Fotografen? Mehr Einfluss haben? Wäre das nicht wunderbar? Der folgende Artikel ist pure Satire. Dennoch spinnen wir die Frage nach dem maximalen Kommerz weiter und planen am Beispiel einer Fotografin den absoluten Ausverkauf der Fotografie. Damit das Ganze für dich als Leser besser vorstellbarer wird, gehen wir das (fiktive) Planspiel mit einer fiktiven Person Schritt für Schritt durch. Bereit für den totalen Kommerz? Na dann, los geht’s!

Nennen wir die fiktive Person Nancy Baumschmutzer*. Sie ist eine passable Fotografin, die die Technik beherrscht. Sie ist ein lebensfroher Mensch, denn die Fotografie macht ihr großen Spaß und durch ihre Arbeit lernt sie ständig neue Leute kennen. Gleichzeitig macht sie ihre Kunden mit ihren Bildern glücklich. Kann es denn bitte etwas Besseres geben, als Menschen mit Bildern glücklich zu machen?

Doch irgendwann merkt Nancy, dass ihr die Fotografie allein nicht mehr reicht. Die Aufträge, die sie ständig bekommt, reichen zwar für Miete, Essen und Benzingeld, aber wäre es nicht viel schöner, wenn man noch mehr aus der Fotografie herauspressen könnte? Nancy grübelt und überlegt, wie sie den Kunden noch mehr Geld abschröpfen, glücklicher machen kann. Nach einigen Tagen und der Suche auf Google hat sich Nancy einen Schlachtplan zurechtgelegt, mit dem sie noch mehr Profit aus der Fotografie herausholen will. Das Ganze hat sie in sechs einfachen Schritten untergliedert.

Schritt 1: Verkaufe Videoturorials

Menschen sind doch faule Wesen, denkt sich Nancy und beginnt, profane Retusche-Arbeiten aufzuzeichnen. Zunächst ist sie skeptisch, ob so etwas überhaupt jemand kaufen würde. Den Preis hält sie mit 9 Euro recht human. Sind ja auch nur 45 Minuten. Sie zeichnet ein paar (30) Videos auf und stellt die Videos auf ihrer Website online. Noch schnell Paypal einrichten und mit der Seite verbinden und dann heißt es warten, wer sich diesen Schrott diese tollen, hilfreichen Videos anschaut und kaufen möchte. In den kommenden Tagen traut sie ihren Augen nicht: Es gibt doch tatsächlich Leute, die sich so etwas wirklich anschauen wollen und bereit sind, dafür Geld auszugeben! Ein Hoch auf die Faulheit der Anfänger-Fotografen! Sie beschließt, das Ganze auszubauen und zeichnet jetzt sogar Videos auf, auf denen sie Mails beantwortet oder stundenlang auf bunte.de oder gala.de surft. Auch das findet großen Anklang bei ihren Kunden und beschert ihr die ersten Einnahmen.

Schritt 2:  Ein Buch schreiben mit unnützlichen Tipps!

Ein Buch, denkt sich Nancy, ist voll professionell und macht mich in Nu zu einer Starautorin! Einfach 30 Screenshots machen und den Text wuppt meine dauerflippige Praktikantin in 3 Stunden runter. Einfach am Ende noch eine persönliche Widmung daruntersetzen (da gibt es tolle Vorlagen aus dem Internet!) und fertig ist das Buch. Ratgeber gehen immer und mittlerweile will ja auch jede Liese in Posemuckel professionelle Fotografin werden. 29,90 Euro sind ein guter Preis und die 5 Euro pro Buch reichen mir auch völlig aus. Nancy ist ein Fuchs mit Geldbrille und wirbt für ihr neues Buch auf allen Kanälen. Die ersten 5 seiten verscherbelt sie als E-Book. Aber nur, wer sich brav für den neuen Newsletter angemeldet hat. Dass sich da nach ein paar Wochen tausende Mailadresse ansammeln, freut Nancy natürlich auch. Die kann sie auch noch gewinnbringend an Mailadressen-Händler verscherbeln. Läuft!

Schritt 3: Workshops für die Massen!

Sich einmal fühlen wie Jesus – das wünscht sich auch Nancy. Dank ihres Buches und der mittlerweile 340 Videos über ihre Arbeit (Das Video, wie sie Mails professionell beantwortet, erweist sich als Verkaufsschlager) hat sich Nancy eine treue Fangemeinde aufgebaut. Natürlich ist Nancy auch auf Facebook aktiv und postet dort Videos. Auch auf Instagram und Snapchat ist sie fleißg und zeigt ihr Leben, inklusive wie sie ihre Einkäufe erledigt und einfach mit ihrer neuen Praktikantin Bibi abhängt. Auch Making-of Stories laufen sehr sehr gut. Sie überlegt sich schon, ob sie eine weitere Praktikantin einstellt, die ihre Facebook-Kommentare beantwortet. Aber zunächst einmalwäre ein Workshop eine tolle Idee..wobei…warum nicht einfach einen Vortrag daraus machen? In 90 Minuten erklären, wie man Fotos macht und währenddessen ein paar Bilder zeigen. Zack fertig! Diese Idee finden auch ihre Fans super und kaufen die Karten für 19,90 Euro.

Aber warum nur ein Vortrag? Warum nicht eine Tournee? In 30 Städten?! Nancy riecht schon das frische Geld und bucht eine Sporthalle nach der anderen. Je größer, desto besser (weil mehr Geld). Aber reicht das schon? Warum nicht noch mehr Geld aus dem Vortrag herauspressen? Mit einem VIP-Treffen kann Nancy noch mehr Geld machen. Denn bei einem VIP-Treffen mit Nancy Baumschmutzer können Teilnehmer ihr persönlich die Hand geben und für 10 Sekunden (ab 10 Sek. kostet es mehr) ihre Kamera anfassen! Wahnsinnsidee! Also schnell noch VIP-Karten für 39,90 anbieten. Selbstverständlich sind auch diese Karten in allen Städten nach 3 Stunden ausverkauft. Nancy fühlt förmlich, wie Jesus ihr respektvoll auf die Schulter klopft.

Schritt 4: Personal Coach für verlorene Fotografen

Die Vorträge zwischen Flensburg und München waren ein voller Erfolg und die neueingestellte Praktikantin beantwortet fleißig alle Facebook- und Instagramkommentare. Aber so langsam gehen Nancy die Kommerz-Ideen aus. Irgendwo muss doch noch das Geld liegen, was sie einfach nur noch abgrasen muss. Da kommt ihr die Mail einer treu ergebenen Kundin alias Fan genau richtig: Ob sie denn persönliche Coaches anbieten würde? Nancy wittert das Geld und macht daraus ein neues Verkaufsgeschäft. Personal Coaches für 1.000 Euro bei 8h! Sauber! Natürlich muss auch ein Lehrplan her, aber den kopiert sie sich einfach bei anderen Kollegen zusammen. Ein paar Wörter und Redewendungen austauschen und schon ist Nancy nicht nur eine erfolgreiche Autorin, Vortragsrednerin und professionelle E-Mail-Schreiberin sondern auch ein Personal Coach. Nancy bittet ihre Praktikantin kurz, ihr auf die Schulter zu klopfen. Natürlich wird auch diese Szene gesnappt und auf Facebook live gesendet.

Schritt 5: Kaufempfehlungen für ein Produkt

Glaubwürdigkeit, Einfluss und Authentizität! Nancy vereint all diese wunderbaren Buzzwords. Das findet auch ein neuer Kamerahersteller aus Pakistan und schlägt Nancy einen Deal vor: Sie empfiehlt deren neuestes Kamera-Model mit sagenhaften 3 MB und 2x optischen Zoom sowie pixeligen LED Bildschirm und als Belohnung winken 10% Gewinn pro verkauftem Exemplar. Das lässt sich Nancy natürlich nicht zweimal sagen und geht auf den Handel ein. Dafür muss aber die nächste Praktikantin eingestellt werden, die die ganzen positiven Bewertungen auf Amazon und Co. schreibt. Denn unverständlicherweise kommt die Kamera mit diesen innovativen Techniken bei den Experten nicht gut an. Aber das ist der ambitionierten Fotografin egal – ihre Fans kaufen diese Kamera trotzdem, denn immerhin hat Nancy mit dieser Kamera ein paar gute Bilder gemacht und schwärmt vom tollen Gehäuse. Und der Technik. Die Technik sei super, versichert Nancy.

Schritt 6: Teile einfach alles mit deinen Fans

Nancy hat (fast) alles erreicht. Auf Facebook hat sie über 100.000 Fans, ihre mittlerweile 4 Praktikantinnen beantworten Fan-Mails oder bewerten die hervorragende Kamera aus Pakistan und die Personal Coach-Sache läuft wie geschmiert. Aber Nancy will mehr: mehr Geld, mehr Macht, mehr Aufmerksamkeit. Da kommt ihr eine Idee, die ihr anfangs zu einfach erscheint: Das eigene Blut verkaufen! Dann hätte jeder Kunde/Fan etwas von ihrer gottgegebenen Kreativität! Also schnell eine Mail an das DRK schicken und fragen, wie man Blutkonserven lange haltbar macht und sicher transportiert. Auf die Antwort wartet Nancy leider bis heute. Aber egal, statt Blut gehen ja auch Haare oder Schweiß.

Einfach das Haar oder den kreativen Schweiß immer bei sich tragen und schon wandert die geniale Kreativität der großartigen Nancy Baumschmutzer auf den Käufer über. Als ihr allerdings bald die Haare ausgehen, beschließt Nancy eine fünfte Praktikantin mit ähnlicher Haarfarbe einzustellen. Das Geld kommt säckeweise in Ihre Wohnung und schon wieder muss Nancy ein Video posten, wie ihre Praktikantinnen ihre Schulter klopfen.

Nancy Schmutzbaumer – erfolgreich, berühmt und geliebt

Nancy hat es geschafft. Dank ihrer Ideen hat sie ein Imperium erschaffen und muss nicht mehr nur allein von ihren popeligen Bildern leben. Sie ist ein Star und schüttelt den Kopf, wenn andere Fotografen erzählen, wie schwer es sei, von der Fotografie zu leben. Es ist doch so einfach, den ahnungslosen Kunden das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Faulheit und Blindheit der Menschen macht es möglich. Sei authentisch und freundlich und die Menschen kaufen dir alles ab. Warum sollte man sich die Fotografie auch autodidaktisch beibringen und einen eigenen Stil entwickeln? Nancy ist da, um zu helfen. Damit jeder Anfänger in der Fotografie genauso tolle Bilder macht wie sie. Und wenn Deutschland irgendwann dann alle so fotografieren wie die große Nancy Baumschmutzer, geht Nancy einfach in die USA. Dort gibt es viel mehr Fotografie-Anfänger und auch dort sitzt das Geld der Ahnungslosen locker.

Kommerz und Fotografie – was ist erlaubt?

Natürlich ist Nancy nur eine fiktive Person, aber ihre Ideen sind teilweise real. Für viele Fotografen in Deutschland ist die Fotografie ein einträgliches Geschäft geworden. In ausverkauften Kinosälen quatschen pseudo-bekannte Fotografen über ihre Arbeit und danach wird noch schnell ein Foto mit dem Lieblingsfotografen gemacht. Ist das noch Fotografie? Wo beginnt der Ausverkauf, was ist noch erlaubt? Die Grenzen scheinen schwimmend zu verlaufen und die Branche ist sich in dieser Frage uneinig und zutiefst gespalten.

Fotografie ist ein hartes Geschäft. Ich habe größten respekt vor diesem Job und weiß, dass viele Fotografen tagtäglich ums Überleben bangen. Daher ist mir eines wichtig: Jeder soll durch seine Arbeit leben müssen. Aber gibt es wohlmöglich Grenzen? Was ist noch Fotografie, wenn aus jedem Workshop ein Event gemacht wird und die einfachste Techniken als Video verkauft werden? Die Frage, die wir uns bei MOLOGUE täglich stellen ist Folgende: Was darf/muss die Fotografie kommerziell aushalten? Diese Debatte schwillt seit Langem – und das ist auch gut so! Man sollte das Thema Fotografie und Kommerz hinterfragen dürfen. Gerne auch kontrovers. Aber bitte sachlich und ohne Hass oder Neid. Denn am Ende sind wir alle Fotografen und lieben diesen Job.

*Ähnlichkeit mit reellen Personen rein zufällig.

Ein polemischer Artikel von Johannes Brümmer

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