Der gescheiterte Fotograf

Martin ist als Fotograf an diesem Beruf gescheitert.

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Bild von: Spiterek (Flickr). Bestimmte Rechte vorbehalten

Martin ist 27, als er bemerkt, dass er vor den Trümmern seiner beruflichen Existenz steht. Sein Darlehen kann er nicht zurückbezahlen und die Kunden bleiben aus. Er zweifelt an seinem Beruf und hat Existenzängste. Wie soll es weitergehen und warum musste sein Leben eine so bittere Wendung nehmen? Martin – der im wahren Leben anders heißt – hat mir in vielen E-Mails geschrieben, wie sein Wunschberuf zu einem echten Albtraum wurde. Martin ist Fotograf und an diesem Beruf gescheitert.

Als Fotograf arbeiten? Kann man davon leben?

Rückblende. Im Sommer 2010 macht Martin an einem Berliner Gymnasium sein Abitur. Er hat bereits konkrete Pläne, was er nach seinem Studium machen möchte. Seit er ein Jugendlicher ist, fotografiert Martin seine Verwandtschaft auf Familienfeiern und porträtiert seine Schulfreunde. Nebenbei jobbt er in einem Gartencenter und leistet sich mit 18 seine erste Profikamera. Seine Familie und Freunde sind begeistert von seinen Fotografien und drängen ihn dazu, den Beruf des Fotografen zu erlernen. Martin ist zunächst skeptisch und äußert gegenüber den Eltern seine Bedenken. Als Fotograf arbeiten? Kann man davon leben?

Er beschließt, bei einem Verwandten ein Praktikum zu machen. Da ist er 19 und wird in einem Jahr sein Abitur machen. Das Praktikum öffnet ihm die Augen. Die Branche ist hart umkämpft und die Preise müssen teilweise erbittert ausgehandelt werden. Hat er bereits während seines Praktikums erste Zweifel, das dieser Beruf eine Sachgasse werden könnte? Martin verneint meine Frage in einer Mail. Nur wer gut sei, könne auch höhere Preise verlangen, so glaubt er. Am Ende seines Praktikums bekommt Martin eine Mappe mit Fotografien, die er während des Praktikums gemacht, überreicht. Diese Mappe wird Martin später noch einmal beschäftigen.

Martin beschließt, eine Ausbildung zum Fotografen zu machen

Wie soll es weitergehen nach dem Abitur? Martin ist sich unschlüssig, ob er Fotografie studieren soll oder eine Ausbildung in einem Fotostudio die bessere Option ist. Martin entscheidet sich für eine Ausbildung bei einem Fotografen. Dafür verlässt er Berlin und zieht in das Ruhrgebiet. In seinen Mails beschreibt er das Fotostudio als „chaotisch“ und den Chef als „Tyrann“ und „überfordert“. Das Lehrlingsgehalt reicht kaum zum Leben. An den Wochenenden zieht der Azubi Martin durch das Ruhrgebiet und fotografiert in Clubs das Partyvolk. Das Festgehalt, was er vom Clubbetreiber bekommt, kann er gut gebrauchen, denn immer wieder bekommt Martin nur ein Teil des Lehrlingsgehalt ausgezahlt.

Er fühlt sich einsam, kennt kaum jemanden in dieser Stadt und zweifelt an seiner Entscheidung. Die Nächte verbringt er am Computer. Stundenlang bearbeitet er dort seine Bilder und möchte diese Kunst, diese Perfektion der Retusche, genauso gut beherrschen wie sein großes Vorbild Calvin Hollywood. Er schaut sich um in den sozialen Medien und analysiert die Bilder anderer Fotografen. Er vergleicht sein Können mit dem der Anderen und fragt sich immer öfter: Bin ich gut genug, um von meiner Arbeit leben zu können? Wie ein Besessener lernt er alles, was ihm sein gestresster Chef zeigt. Er liest Blogs über Blitzlicht-Einstellungen und zählt in der Berufsschule zu den Jahrgangsbesten. Martin hat, so deuten es die vielen Mails an, Angst, zu versagen. Sein Ziel ist der Erfolg und die Anerkennung seiner Kollegen. Scheitern wäre für ihn eine Katastrophe. Diese Furcht durchzieht sich durch seine Ausbildung. 2013 beendet er die Ausbildung und wird als Jahrgangsbester von der IHK ausgezeichnet. Seine Projektarbeit – eine Bildserie über aussterbende Berufe – hängt einige Jahre im Foyer der Berufsschule.

Auf die Kündigung folgt die Selbstständigkeit als Fotograf

Die Kündigung kommt zwei Wochen später. Martin baut gerade die Deko im Fotostudio auf, als sein Chef ihn in das Büro bittet. Martin kann es nicht glauben. Er sagt später, dass dieser Moment unwirklich und er kaum etwas sagen konnte. Martin ist 23, Jahrgangsbester seiner Ausbildungsklasse und arbeitslos. Was macht das mit einen, wenn man so jung ist und Angst vor der beruflichen Zukunft hat? Er schreibt mir, dass er die ersten zwei Monate einfach nur als Enttäuschung empfunden habe. An den Wochenenden arbeitet er weiterhin als Party-Fotograf. In der Woche verdingt er sein Geld mit kleineren Foto-Aufträgen. Mithilfe des Kleinstgewerbescheins kann er freiberuflich arbeiten und sich etwas Geld dazuverdienen. Doch kann das eine Option für die Zukunft sein? Martin stellt sich diese Frage oft und hadert mit seinem Beruf. Er möchte für ein Fotostudio arbeiten und einen festen Job haben. Er will diese Sicherheit, die Gewissheit, dass er keine Angst haben muss, wie er die nächste Miete bezahlen soll.

Die Eltern unterstützen Martin

Während der Weihnachtstage 2013 bittet er seine Eltern um ein Gespräch. Er braucht Feedback und ihre Meinung zum Thema Selbstständigkeit. Martin’s Eltern sind Lehrer. Sicherheit und Beständigkeit ist ihr Mantra. Sie sind verbeamtet und fühlen sich wohl unter ihrer Käseglocke. Doch beide wissen, dass Martin einen Neustart braucht. Ein Ziel im Leben. Am nächsten Morgen spazieren Martin und sein Vater durch Tempelhof. Der Vater spricht. Martin hört zu. Beide Eltern wollen Martin finanziell unterstützen. Sie geben ihrem Sohn ein Darlehen und wollen damit seine Selbstständigkeit als Fotograf unterstützen. Mit diesem Geld soll sich Martin auf dem hartumkämpften Markt der Fotografen behaupten. Sobald es bei Martin finanziell aufwärtsgeht, soll er das Darlehen zurückzahlen. Auf der Rückfahrt ins Ruhrgebiet schöpft Martin Hoffnung. Vielleicht wird ja 2014 sein Jahr?

Im Mai 2014 sitzt der selbstständige Fotograf Martin in seinen Fotostudio und bearbeitet Bilder. Sein Kalender für diese Woche weist gerade einmal drei Termine auf. Ein Shooting mit einem Pärchen und zwei Bewerbungsfotos. Martin ist ungeduldig und baut intensiv an seiner eigenen Website und wirbt auf Facebook für sein Studio. Doch die Kunden kommen tropfenweise und feilschen teilweise um jeden Euro. Martin ist frustriert. In einer Mail schreibt er, dass er morgens manchmal aufwache und bete, dass heute ein Hochzeitspaar anrufen möge. Doch das Telefon schweigt. Auch sein Mail-Postfach ist leer – mit Ausnahme von Spammails. Wie soll es weitergehen? Ist das Ganze ein großer Fehler gewesen? Martin grübelt viel und empfindet die Fotografie als immer größer werdende Last. Im August bekommt er endlich mehrere große Aufträge. Kommt der erhoffte Erfolg? Als der Herbst beginnt, ist der junge Fotograf bis Ende Dezember ausgebucht.

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Bild: Gabriel Renault (flickr), Bestimmte Rechte vorbehalten (CC)

Wenn der Abwahnanwalt zur Kasse bittet

Über mehrere Monate antwortet Martin nicht auf meine Mails. Erst Anfang April 2015 erhalte ich ein Lebenszeichen von Martin. Er schreibt nur kurz, doch der Inhalt ist hochdramatisch. Seine Mappe, die er während seine Praktikums erhalten hatte, habe ihm Ende 2014 großen Ärger eingebracht. Er hatte die Bilder, die er von den Frauen gemacht hatte, auf seiner Website hochgeladen. Es sollten seine Referenzen sein und sein Können zeigen. Doch ein windiger Anwalt fand über Umwege heraus, dass er für diese Bilder nicht die Genehmigung der Models hatte. Ein Fehler, den er heute bereut. Er sagt, dass er diese Bilder als Referenzen brauchte, um an neue Aufträge zu kommen. Die Models verlangen eine Schadensersatzzahlung. Das Ganze kann nur mit einer mittleren dreistelligen Summe aus der Welt geschafft werden.

Martin wurde vom Anwalt – und das bestätigen Freunde – über’s Ohr gehauen. Doch er kann sich nicht wehren. Er hat kaum Rücklagen, um einen Anwalt zu bezahlen. Sein Ruf hat darunter nicht gelitten, aber wohlmöglich ist diese Begebenheit mit dem Abmahnanwalt der Anfang vom Ende. Kunden sagen plötzlich Termine ab. Seine Arbeiten gefallen einigen Kunden im Nachhinein doch nicht und verweigern die Zahlung. Mit viel Mühe kann er ein Teil der Summe doch einfordern. Doch Martin ist mit seinem Job überfordert. Er leidet und er merkt, dass ihn dieser Job seelisch kaputt macht.

Eine Mail und ein Neuanfang

„Hallo, ich wollte nur sagen, dass ich nicht mehr als Fotograf arbeite. Ich hab den ganzen Scheiss aufgegeben. Meine Eltern sind sauer auf mich, aber verstehen es irgendwie. Ich arbeite jetzt als Retoucher in einer Agentur. Der Job ist cool und ich hab ein gutes Gehalt, von dem ich leben kann.“

Als ich diese Mail bekomme, ist der Sommer 2015 gerade vorbei. Martin schreibt in einer späteren Mail, dass er sich bereits im Frühjahr des Jahres 2015 um diese Stelle beworben hatte. Die Selbstständigkeit war ein Fehler, schreibt er mir. Ob er einfach nicht gut war oder der Markt für Fotografen zu dichtbesetzt war, kann er selbst nicht genau beantworten. Aber er ist jetzt Mitte 20 und möchte nicht in 10 Jahren Angst haben, dass er sich nichts mehr leisten kann, weil er um jeden Auftrag kämpfen muss. Ist Martin gescheitert? Hatte er kein Talent? Diese Frage habe er sich oft gestellt, schreibt mir Martin Ende 2015. Für ihn war es ein Ausflug in eine ungewisse Zukunft. Dass das eventuell auch schiefgehen kann, habe er immer geahnt, aber stets ignoriert.

Was passiert, wenn man als Fotograf gescheitert ist?

Was Martin als selbstständiger Fotograf in Deutschland erlebt hat, ist keineswegs eine Seltenheit. Große Fotografen wie Jürgen Teller, Andreas Gursky oder Peter Lindbergh verdienen viel Geld mit Ihren Arbeiten. Sie sind berühmt und kennen Stars und Persönlichkeiten. Doch nach der überschaubaren Menge an Promifotografen kommen die szenebekannten Fotografen wie Ben Hammer, André Josselin oder Paul Ripke. Und anschließend die unüberschaubare Menge an guten bis sehr guten Fotografen. Sie arbeiten tagtäglich hart für ihren Beruf und haben eine kleine aber treue Fangemeinde. Sie posten auf Facebook über Ihre Shootings und berichten auf Instagram, welche Bilder wo und mit welchem Model zu sehen sind. Sie verdienen damit gutes Geld und können davon leben.

Mehrheit der Fotografen kann geradeso von ihrer Arbeit leben

Aber die Mehrheit der Fotografen kann geradeso von ihrer Arbeit leben. In einigen Regionen wie Köln, Berlin oder Hamburg gibt es sie gefühlt an jeder Ecke. Wenn dort ein junger Fotograf wie Martin aufgeben muss, weil die Kunden ausbleiben, interessiert das niemanden. Die Konkurrenz nimmt davon am Rande Notiz und freut sich, dass einer weniger im Haifischbecken der Berufsfotografie ist. Martin ist keine Ausnahme. Wie oft in Deutschland jedes Jahr selbstständige Fotografen pleitegehen, wurde bisher nicht untersucht. Man soll mit ihnen kein Mitleid haben, denn jede Selbstständigkeit ist eine bewusste Entscheidung gewesen.

Dieser Artikel soll keine Anklage sein. Vielmehr eine Darstellung, wie es einem aufstrebenden Fotografen ergehen kann. Der Berufswunsch Fotograf ist der Traum vieler junger Menschen. Reich und berühmt werden allerdings die Wenigsten. Martin ist gescheitert. Das ist keine Schande. Denn er hat etwas Anderes gefunden, um seine Begeisterung für die Fotografie ausleben zu können.

Von Johannes Brümmer

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