Lauwarme Kost

Food Photography? Bei diesem Begriff muss ich würgen

So sieht Food Photography aus. Ästhetisch schön!
Foto: J.Anniewang (flickr)

Ich sitze in meinem Bett und esse Salami. Ich tue es allein. Ohne Publikum. Niemand auf Instagram weiß davon. Der Grund: Ich esse gerne analog. Und Solo-Salami ist nicht besonders sexy. Food Photography? Bei diesem Begriff muss ich würgen. Mein Magen fängt an zu rebellieren, wenn ich mit gestellten Gerichten bombardiert werde. Ich ziehe meine Papiertüte vor Menschen, die erst nach viertelstündiger Blitzlichtattacke über ihr abgekühltes Schnitzel herfallen können. Oder wollen? Oder müssen? Ist es bereits zum Zwang geworden, sich über Social Media als Feinschmecker und Gourmet zu etablieren? Messer, Gabel, Löffeln – nein, das lass sein.

Der Einheitsbrei quillt über

Sucht man bei Instagram nach dem Hashtag #foodgasm (eine simple Gleichung: Food, also Essen, plus Orgasm, also Orgasmus. Fantastisch, oder?) erhält man um die 21 Millionen Ergebnisse. Trend: exponentiell steigend. Sieht man sich dann die gefundenen Bilder und Videos an, durchläuft man die drei Stufen der – wie ich sie nenne – Food-Foto-Völlerei. Schritt 1: Anschauen und beeindruckt sein. „Oh. Das sieht lecker aus. Oh. Das sieht auch lecker aus. Ohh. Das sieht noch etwas besser aus. Das koche ich mal nach. Ohhh. Und das gibt es zum Nachtisch. Ohhh. Platz für weiteres Dessert ist immer.“ So satt, so gut. Schritt 2: Die Erkenntnis der eigenen Ohnmacht: „Hmmm. Ich kriege schon Hunger. So ein toller Avocado-Chia-Granatapfel-Weidezaun-Kinderseelen-Smoothie wäre jetzt genau das richtige. Bei der da sieht das auch ganz leicht aus. Oh Moment. So leicht ist es doch nicht. Und was ist das? Oh, okay. Irgendwie sehr skurril. Hat die das alles wirklich gegessen? Die kauft doch eigentlich in der Kinderabteilung.“ Na, ist die Luft schon raus aus dem Foodgasm? Schritt 3 bringt alle zu Fall: Die Erkenntnis. „Also irgendwie ist das alles das gleiche, mehr oder weniger. Winkel, Beleuchtung, Dekoration. Komm, noch ein paar Kürbiskerne ins Bild geschmissen und fertig. Ist mir irgendwie zu blöd. #catcontent ich komme.“

Gerührt, bestellt, gemixt, gestellt

Ich bin keine Psychologin, Fotografin oder Anthropologin. Aber ich kann mit 109 prozentiger Sicherheit sagen, dass verschiedenen Personen bei solchen oh-schaut-alle-her-was-ich-tolles-esse-ergo-bin-ich-auch-ein-toller-Mensch-Bildern Schaden zugefügt wurde. Nehmen wir doch zum Beispiel mal die Fotos, die im Restaurant, einer Bar, einem Café der wo auch immer geschossen wurden. Eben da, wo es Essen gibt. Kiosk geht auch. Wer, bevor er einfach genüsslich das extra für ihn zubereitete Gericht genießt, erst mal einen Shooting-Marathon absolviert, der nervt wie eine Großstadt zur Rushhour. Mitessende müssen entweder geduldig warten oder fühlen sich komisch, wenn der Teller nebenan im Sekundentakt angeknipst wird. Einen großen Teil der Instagram-Food-Photography-Szene machen allerdings gestellte Bilder mit selbst zubereiteten Augenschmäusen aus. Eine Schale, halb gefüllt mit Bio-Öko-Flocken und dem trendigsten Superfood steht kokett auf dem frisch gemachten Bett. Daneben ein Kaffee, das neuste Modemagazin und sich auf der Matratze räckelnde Beine. Et voilá – Food-Facking á la Instagram.

Yummy! So sieht Food Photography meistens doch eher aus.
Foto: Koke (flickr)

Bitte nicht lügen. Danke.

Dabei ist es doch so: Wir füllen uns einen großen Suppenteller mit dem Keks-Müsli vom Discounter, kippen einen Liter Milch drüber, kuscheln uns in den Lieblings-Pyjama und sehen beim Essen aus wie das Krümelmonster. Aber wo sind genau solche Bilder auf den Social Media-Plattformen? Mehr Krümel auf Instagram! Ich möchte sehen, wie echte Menschen ihr echtes Essen essen. Bitte! Und wenn es wirklich Menschen gibt, die mit ihren desinfizierten Tellern vor einem unifarbenen Hintergrund sitzen und steril in sich hinein verzehren: Esst doch bitte im Keller. Smartphone weg. Mund auf.

PS: Wir empfehlen zu diesem Artikel als leckere Nachspeise diesen Tumblr-Blog. Guten Hunger!

Autorin: Saskia Kaufhold

18987601_1696536207027727_403927930_oAlle vier Wochen – oder auch gern mal jeden Monat – schreibt Kolumnistin Saskia Kaufhold über Dinge, die ihr auffallen, stören oder nerven. Im wahren Leben ist die MOLOGUE-Autorin aber eine ganz sympathische Frau.

Mehr über Saskia Kaufhold findest du hier: TheGirlAbove

Dir gefällt sicher auch...