Holger Jung

MOLOGUE: Seit wann fotografieren Sie?

Holger Jung: Ich habe mit ca. 17 Jahren angefangen zu fotografieren. Als ich dann den Film Blow Up mit David Hemmings alias David Bailey sah, kam noch der Lifestyle-Effekt dazu, ich wollte unbedingt Fotograf werden. Ich habe dann zwischen Abitur und Studium als Assistent bei Wolfgang Klein, einem Hamburger Werbefotografen, gearbeitet, war aber ein eher lausiger Assi.

MOLOGUE: Wie ist Ihr Verständnis von Fotografie? ( … oder Ihre Einstellung zur Fotografie ?)

Holger Jung: Für mich ist die Fotografie das ideale Mittel der Welt zu zeigen, wie ich einen bestimmten Moment, eine bestimmte Situation sehe und erlebe. Bei einem gelungenen Foto schwingen die Gefühle mit, die ich im Moment des Auslösens hatte.

MOLOGUE: Welche Fotografen beeinflussen Sie?

Holger Jung: Ich habe da keine spezifischen Vorbilder. Beim Fotografieren ist es ja nicht wie bei der Musik, wo üblicherweise die Songs präferierter Idole eingeübt und nachgespielt werden. Ich bewundere alle großartigen Fotografen.  Zwei Klassiker allerdings faszinieren mich besonders:  Elliott Erwitt, Ansel Adams und nicht zu vergessen Fan Ho mit seiner absoluten Bild-Perfektion.

MOLOGUE: Wie würden Sie Ihren fotografischen Stil beschreiben?

Holger Jung: Ergänzend zu meiner unter Frage 2 beschriebenen Grundauffassung: wenn es um Landschaften – auch urbane Landschaften oder Architektur – geht, ist die Welt immer groß und die Menschen sind klein. Das scheint mir die richtige Zuordnung zu sein. Wenn es um Situationen und Momente geht, möchte ich Geschichten erzählen. Ich möchte nicht nur das „ist“ zeigen, sondern Gedanken provozieren, wie das „vorher“ und „nachher“ sein mag. Zugegebenermaßen ist die Stimmung dabei oft in moll gehalten, selten in dur. Auch hier der Vergleich mit der Musik: ein offener Akkord ist meistens spannender als ein straighter Dur-Akkord. Wichtig ist für mich die Authentizität der Fotos: ich lehne die heute üblichen Überarbeitungen ab. Das höchste der Gefühle sind Begradigungen/Ausrichtungen falls wirklich notwendig.

MOLOGUE: Was denken Sie über Fotosharing-Plattformen wie Instagram?

Holger Jung: Die digitale Revolution hat das Schaffen, Produzieren und Publizieren von kreativen Arbeiten so einfach gemacht wie noch nie. In keiner Zeit vorher wurden so viele Fotos gemacht wie heute. Und die wollen präsentiert werden. Insofern sind Plattformen wie Instagram eine logische Konsequenz und machen allen Spaß. Natürlich leidet heute die Aura des kreativen Schaffens unter der Allgegenwärtigkeit kreativer Ergüsse, aber das finde ich nicht schlimm. Absolutes Herrschaftswissen war gestern – auch Google sein Dank.

Das Einzige, was ich schade finde, ist die ästhetische Gleichschaltung, die wir heute erleben. Alles wird perfektioniert auf Deibel komm’raus. Perfekte Schönheit, perfektes Styling, perfektes Leben. Aus den 40 Jahren Werbung, die hinter mir liegen, kenne ich das natürlich nur zu gut: bigger than life heißt auch immer streamlined perfection. Aber diese Überzeugung ist heute zum Lebensprinzip sehr vieler (gerade junger) Menschen geworden, für viele sogar zum Lebensinhalt.

Das halte ich für falsch. Das Leben ist schön in all seinen Facetten, auch und gerade ohne diese oberflächliche Perfektion.

MOLOGUE: Zerstören Programme wie Photoshop das fotografische Handwerk?

Holger Jung: Nein, sie sind heute organischer Teil des zeitgenössischen fotografischen Handwerks. Aber da das Leben dialektisch ist, fördert die digitale Fotografie mit all ihren postproduktiven Möglichkeiten auch die Besonderheit der analogen Fotografie mit all ihren spezifischen Herausforderungen. Ich bin mir sicher, dass die analoge Fotografie gerade in der künstlerischen Fotografie (weiterhin) eine sehr große Rolle spielen wird.

 

Über Holger Jung:

Holger Jung  ist eine deutsche Werbelegende. Zusammen mit Jean-Remy von Matt gründete er 1991 die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt. Seit 2003 ist er Professor für Werbetechniken an der Hochschule Wismar. 2010 zog sich Jung aus dem Agenturgeschäft  zurück.

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